St. Nikolai

Geschichte von St. Nikolai

Die Stadt Eilenburg verfügt über drei sakrale Bauwerke. Im Stadtteil Berg ist die evangelische Marienkirche zu finden, deren heutiges spätgotisches Erscheinungsbild aus der Umbauphase 1516 - 1522 stammt, Spuren des romanischen Ursprungs sind noch erkennbar. Im Stadtteil Mitte entstand um 1854 die katholische Pfarrkirche St. Xaverius. Und ebenfalls im Stadtzentrum steht die evangelische Stadtkirche St. Nikolai.

Die Stadtkirche St.Nikolai, vormals den Heiligen Andreas und Nikolaus geweiht, wird in ihrer heutigen Erscheinungsform vom Chronisten in das Jahr 1444 datiert. Sie ist das älteste in seiner äußeren Gestalt erhalten gebliebene historische Bauwerk der Stadt. Der in Nordsachsen eher seltene spätgotische Backsteinbau erstreckt sich auf eine Gesamtlänge von 54 Metern mit einer Raumhöhe von 12 Metern. Die dreischiffige Gewölbedecke ruht auf sechs Pfeilern und 13 äußeren Stützpfeilern. Die Firsthöhe beträgt 30 Meter. Den Grundstein zum weithin sichtbaren Turm legte 1496 Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen (1463-1525). Über einen Wendelstein aus Rochlitzer Porphyr gelangt man zu einer Ausstellung. Außen am Turm ist ein bronzenes Martin-Rinckart-Relief sowie eine Höhenmarke (103,072 Meter über NN) erkennbar. Im Laufe der Geschichte brannte die Kirche dreimal ab: 1435, 1535 und 1945.

Seit 1601 besitzt die Kirche fünf Bronzeglocken. Durch Zwangsabgabe fielen vier davon 1917 und 1942 den beiden Weltkriegen zum Opfer. Ein Interimsgeläut, bestehend aus vier Stahlglocken, zerbarst 1945 im Granatinferno. Seit 2009 läuten wieder fünf Bronzeglocken hoch oben im Turm. Im Altarraum (Apsis) nimmt ein dreiflügeliger Schnitzaltar aus der Blütezeit christlicher Schnitzkunst den Besucher hinein in eine andächtige Stille. Trotz der im Laufe der Geschichte entstandenen Fehlstellen ist der Altar von 1506 von beeindruckender Aussagekraft. Ab 1502 besaß die Kirche nacheinander verschiedene Orgeln. Das letzte Instrument, eine Sauer-Orgel von 1917, verbrannte 1945. Seit 1965 erklingt auf einer Empore der Chorkirche eine kleine Sauer-Orgel (ein Manual, acht Register & Pedal).
Als bedeutende Persönlichkeit wirkte Archidiakon Martin Rinckart 1617–1649 an dieser Kirche, also in der schweren Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Vor dem Altar ruhen seine Gebeine in einer Doppelgruft gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Barbara. Sein Choral „Nun danket alle Gott“ ist bis heute weit über Stadt-, Landes- und Konfessionsgrenzen hinaus aktuell. Namhafte Komponisten nahmen das Lied in ihre Werke auf. Ebenfalls zu nennen ist Kantor Johann Schelle (1670 –1677). Er wurde als Thomaskantor nach Leipzig berufen. Eine weitere Persönlichkeit war der Barockkomponist und Stadtpfeifer Friedrich Wilhelm Zachow (1675–1684), der als Organist nach Halle/S. ging und dort der maßgebende Lehrer von Georg-Friedrich Händel wurde.

Durch die kulturhistorischen Merkmale und städtebauliche Bedeutung stellt die Kirche aus denkmalpflegerischer Sicht ein nationales Kulturerbe dar, registriert in der Liste der Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen.

Betritt der Besucher die Nikolaikirche durch das westliche Turmportal, so bietet sich ihm ein eindrucksvolles Raumerlebnis. Der Blick wandert vom Turminneren durch das Kirchenschiff bis hin zum Altarraum (seit 1961 Chorkirche genannt) mit dem Schnitzaltar. Auf den zweiten Blick bemerkt man (2021) jedoch Schäden, die seit der Kriegszerstörung im April 1945 immer noch nicht beseitigt sind. Damals sanken Stadt und Kirche im Artilleriebeschuss in Schutt und Asche. Trotz bisher erfolgreicher denkmalpflegerischer Aufbauarbeit ist der Wiederaufbau immer noch nicht abgeschlossen. Ein 1994 gegründeter Förderverein zum Wiederaufbau der evangelischen Stadtkirche St. Nikolai e.V. unterstützt das Vorhaben erfolgreich.
Die Stadtkirche St.Nikolai erlebt eine rege Nutzung. Gottesdienste, Andachten, kirchliche Regionalfeiern, Kindergottesdienste, Kirchenmusik und Aufführungen durch Kinder beleben das Gotteshaus. Dazu veranstaltet der Förderverein Führungen, Ausstellungen, Basar und Vorträge. Ein Literaturangebot vermittelt weiterreichende Informationen.

St. Nikolai-Geschichte in Zahlen (Auszug)

  • Um 970 soll die erste Kapelle am jetzigen Altarplatz der Nikolaikirche entstanden sein
  • 1150 soll eine bedeutende Vergrößerung derart erfolgt sein, dass die Stadtkirche ihre jetzige räumliche Gestalt erhielt
  • 1435 Nikolaikirche brennt zum erste Male ab
  • 1444 Aufbau der Nikolaikirche in der heutigen Form. An der Nordseite des Altarraumes steht die Sakristei mit darüber liegender Fürstenloge
  • 1496 Grundsteinlegung für den Turm. Im Laufe der Zeit wird der Turm schrittweise erhöht
  • 1521 Martin Luther reformiert Eilenburg (Hinweis auf einer Sandsteintafel im Nordportal)
  • 1530 erste evangelische Kirchenvisitation
  • 1535 brennt die Nikolaikirche zum zweiten Male ab
  • 1601 Vergrößerung des Geläutes auf fünf Bronzeglocken
  • 1617 – 1649 Amtszeit von Martin Rinckart (geb. 1586, gest. 1649) als Archidiakon
  • 1672 Mit 62,55 Metern erreicht der Turm seine endgültige Höhe, dazu eine barocke Turmhaube mit offener Laterne
  • 1724 Errichtung des Nordanbaues mit Ratsherrenstube und separatem Treppenhaus
  • 1945 Zerstörung der Stadt Eilenburg und der Nikolaikirche vom 17. – 22. April durch amerikanischen Artilleriebeschuss. Die Kirche brennt zum dritten Male ab.
  • 1947 erste Schritte zum Wiederaufbau
  • 1952 Wiederaufbau des Turmes, er erhält zunächst ein zeltförmiges (Not) Dach
  • 1953 Sakristei wird nach der Instandsetzung der erste Gottesdienstraum
  • 1955 Wiederaufbau der Dächer. Schiff und Chor erhalten Stahldachstühle.
  • 1961 Wiederaufbau von Chor- / Altarraum einschließlich Gewölbeeinbau. Durch eine Abtrennung vom Kirchenschiff entsteht die „Chorkirche“
  • 1961 Herstellung der Sandsteinmaßwerke und Fensterverglasung
  • 1997 Wiedererrichtung der barocken Turmhaube mit offener Laterne nach dem Vorbild von 1672
  • 2000 Sanierung / Reparatur der Turmfassade
  • 2002 denkmalpflegerische Restaurierung der Chorkirche und Sakristei. Einbau einer Fußbodenheizung
  • 2002 August-Hochwasser der Mulde verursacht mit 1,50 m Höhe eine Million Euro Schäden
  • 2003 Wiederaufbau der Glockenstube mit Einbau eines Glockenstuhles
  • 2005 Feuchtigkeitssperre im Fundament-Bereich. Dadurch spürbare Verbesserung der Raumnutzung.
  • 2006 – 2008 Erneuerung der Dacheindeckung (Klosterformat-Ziegel)
  • 2006 Errichtung des Voluten-Ziergiebels über der Sakristei. Damit gilt der äußere Wiederaufbau, 61 Jahre nach Kriegsende, als abgeschlossen.
  • 2008 Neuguss von drei Bronzeglocken
  • 2009 Das vollständige Geläut mit fünf Bronzeglocken (1517, 1601, 2008) ist fertiggestellt.
  • 2020 Umfangreiche Reparatur der barocken Turmhaube
  • 2021 Der bis zu diesem Zeitpunkt geplante vollständige Wiederaufbau gerät infolge anderer dringlicher Maßnahmen ins Stocken.
  • Zum vollständigen Wiederaubau und damit zur Beseitigung der Kriegsschäden von 1945 zählen noch
    • der Gewölbeeinbau im Kirchenschiff, in Turm und Fürstenloge
    • Ertüchtigung der äußeren Stützpfeiler
    • Einbau der großen Orgel, der Kanzel, eines Taufsteines
    • Wiederherstellung des Wendelsteins (Aufstieg) zur Fürstenloge
    • Weiterführendes Nutzungskonzept für Turm, Ratsherrenstube und Fürstenloge

Text: Ernst Gottlebe